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Der Preis

Ich sitze vor dem Bildschirm und tippe nicht. Die Maschine tippt. Ich schaue zu.

Vor einem Jahr hätte ich für diese Funktion zwanzig Minuten gebraucht. Heute dauert es dreißig Sekunden. Die Maschine schreibt, ich nicke, ich korrigiere ein Detail, fertig.

Das ist seltsam.


Zwei Jahrzehnte.

Zwei Jahrzehnte habe ich Code geschrieben. Syntax gelernt, die niemand mehr verwendet. Patterns verstanden, die längst vergessen sind. Ich habe Nächte vor Bildschirmen verbracht, während andere schliefen. Ich habe Bücher gelesen, die niemand freiwillig liest.

Zwanzig Jahre, um zu verstehen, wie man Dinge baut, die nicht sofort zusammenbrechen.

Und jetzt ist das plötzlich fast nichts mehr wert.

Nicht ganz nichts. Aber der Teil, der früher teuer war – die Implementierung, das Tippen, das Übersetzen von Idee in Syntax – dieser Teil wird gerade verschenkt.


Es gibt diese Geschichte von den Schreibern, die vor der Druckerpresse lebten.

Sie haben Bücher kopiert. Wort für Wort. Seite für Seite. Manche haben ihr ganzes Leben damit verbracht, ein einziges Werk zu kopieren.

Dann kam Gutenberg.

Die Schreiber wurden nicht alle arbeitslos. Aber ihre Fähigkeit – diese geduldige, präzise Reproduktion – war plötzlich wertlos. Was blieb, war das, was die Maschine nicht konnte: Entscheiden, was gedruckt werden sollte. Verstehen, warum es wichtig war.


Ich glaube, wir sind gerade die Schreiber.

Der Code selbst wird zur Nebensache. Was bleibt, ist die Frage davor: Was soll gebaut werden? Und die Frage danach: Funktioniert es wirklich?

Das Dazwischen – diese Stunden des Tippens, des Debuggens, der kleinen Entscheidungen, die niemand sieht – findet jetzt ohne mich statt.

Irgendwo.

Irgendwie.

Ich werde nicht gefragt.


Ich weiß nicht, ob das gut ist.

Es fühlt sich an wie Verlust. Wie das Ende von etwas, das ich gerade erst verstanden hatte.

Aber vielleicht ist es auch eine Befreiung. Weniger Zeit mit dem Wie. Mehr Zeit mit dem Warum. Weniger Syntax. Mehr Denken.

Oder vielleicht wird einfach alles schneller und niemand denkt mehr nach, weil Nachdenken langsam ist und langsam teuer.


Ich sitze vor dem Bildschirm.

Die Maschine wartet.

Ich weiß noch nicht, was ich ihr sagen soll.